Warum mir das indische Kind weniger Wert ist

Bei einer abendlichen Diskussion forderte ein Bekannter meine ethische Haltung mit der Frage heraus: „Warum geben wir 100 Euro für dieses Abendessen und helfen damit nicht einem indischen Kind wieder zu sehen?“

Beginnen wir mit seiner Sicht: Er sagt, das einzige akzeptable ethische Prinzip ist der Utilitarismus. Dieser geht davon aus, dass Handeln dann gut ist, wenn der Nutzen der gesamten Erdbevölkerung dadurch steigt oder Schmerzen der gesamten Erdbevölkerung dadurch sinken. Einige Utilitaristen weiten dieses Prinzip auch auf diejenigen Tiere aus, die Schmerzen empfinden können (siehe Peter Singer, Praktische Ethik). Danach ist unsere abendliche Konsumentscheidung eindeutig ethisch falsch, denn der „Mehrwert“ des Geldes in einem Programm, das indischen Kindern das Augenlicht ermöglicht, ist ungleich höher. Warum sitzt er also noch mit mir am Tisch? Er sagt: Zwar ist der Utilitarismus das einzige intellektuell überzeugende ethische Prinzip, aber er ist nicht überzeugt, dass wir überhaupt ethisch handeln müssen. Er glaubt nicht an Gott oder ein Leben nach dem Tod. Ethisches Handeln ist somit optional – man kann es tun, wenn man Lust dabei empfindet, man kann es aber auch lassen. Er schließt sich damit einer der beiden Hauptkritiken des Utilitarismus an, die dessen mangelnde Begründung hinterfragen.

Seine Kritik am Utilitarismus, dass eine Begründung für die Akzeptanz der aufgestellten Ethikregeln fehlt, teile ich. Ich hinterfragte den Utilitarismus auch aus weiteren Gründen: Insbesondere ist es ein rein theoretisches Konstrukt, das einem Individuum nicht als Handlungsorientierung dienen kann. Woher weiß der Einzelne, welche seiner Entscheidungen global das Gesamtwohl steigern würden? Wer definiert die jeweiligen Nutzenfunktionen? Und deren Gewichtung? Und wie geht der Utilitarismus mit Unsicherheit um? Am bekanntesten ist hier die Frage, ob ein gekidnapptes Flugzeug mit unschuldigen Passagieren abgeschossen werden kann, um einen Terroranschlag zu verhindern. Der Utilitarismus sagt ja, das Bundesverfassungsgericht unter Verweis auf die Menschenwürde nein.

Soweit so gut. Doch dann stellte er mich vor die Konsequenz, dass dann weder das ethische Handeln für das Kind in Indien noch für das Kind in meiner Familie notwenig wäre. Wenn es keine Begründung für ethisches Handeln gibt, bleibt ethisches Handeln eine Option.

An dem Abend habe ich argumentiert, dass ethisches Handeln immer aus den eigenen Emotionen, Gefühlen und Interessen motiviert ist. Ich handle ethisch, weil ich am Gemeinwesen in meiner Familie, in meiner Stadt, in meinem Land und vielleicht auch in der Welt ein eigenes Interesse habe. Unsere Nutzenfunktionen, wenn man diesen Begriff überhaupt verwenden will, sind komplex und neuere Verhaltenswissenschaft zeigt, dass ein Wunsch nach Fairness und soziales Miteinander einprogrammiert ist. Es braucht keine theoretische Begründung für ethisches Handeln, es ist uns biologisch angeboren. Das soziale Gemeinschaftsgefühl, das ich mit anderen in meiner Gruppe teile, ermöglicht mir die Akzeptanz von Umverteilung, von sozialen Sicherungssystemen, die ich mitfinanziere, von Investitionen in Bildung abseits der eigenen Familie, usw. Mein Gesprächspartner brachte den Begriff aus der empirischen Psychologieforschung in die Diskussion ein, die gezeigt hat, dass Menschen „Ethikkreise“ bilden, dass wir ethische Fragestellungen also unterschiedlich bewerten, je nachdem wie nahe uns eine Person steht. Dem kann ich mich anschließen.

Stellen wir uns nämlich vor, dass das blinde Kind mein eigenes wäre. Sofort würde ich auf das Abendessen beim Italiener verzichten, um eine Operation zu finanzieren. Wäre dies notwendig, würde ich eine ähnliche Entscheidung wohl auch im weiteren Familienkreis treffen. Doch schon bei einem unbekannten deutschen Kind würde sich meine ethische Bewertung verändern. Ich sähe nicht mehr die individuelle Verantwortung bei mir als Einzelperson (Konsumverzicht vs. Hilfe für Bedürftige), sondern ich erwarte von einem funktionierenden Gemeinwesen, das ich gerne mit finanziere, Bedürftigen Hilfe zukommen zu lassen. Der Unterschied: Bei der Lösung über das Gemeinwesen kann auch die Beteiligung aller Leistungsfähigen der Gesellschaft sichergestellt werden, ohne Einzelne über die Maßen zu belasten. Die individuelle Verantwortung wird zur gesellschaftlichen Verantwortung. John Rawls hat für mich dabei die maßgeblichen Regeln aufgestellt, an welchen Maßstäben das Gesellschaftssystem zu messen ist. Es ist nämlich so zu gestalten, dass man dem System ohne Wissen über die eigene Position in der Gesellschaft, zustimmen würde. Dies verwirklicht er mit drei Prinzipien: Erstens „Freiheit“, wozu Gedankenfreiheit, Religions-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, das Wahlrecht und das Recht auf Eigentum gehören – Prinzipien, die in Deutschland im Grundgesetz zu finden sind. Zweitens „Chancengleichheit“, also die Möglichkeit bei gleicher Begabung das Gleiche zu erreichen unabhängig von anderen Kriterien – hier sinnvoll ergänzt durch die Gedanken von Amartya Sen, der neben reiner finanzieller Ausstattung die Teilhabe über den „Capability“-Ansatz in den Vordergrund gestellt hat. Und drittens das „Differenzprinzip“, also soziale und wirtschaftliche Ungleichheit nur insoweit zu akzeptieren, dass auf Grund dieser Ungleichheit die Schwächsten der Bevölkerung ebenfalls profitieren.

Die Herausforderung, die Rawls nicht vollständig bewältigt hat, ist die internationale Dimension dieser Frage. So gab es Denker wie Thomas Pogge, die das Differenzprinzip vollständig in internationalem Rahmen anwenden wollten. Dem hat Rawls selbst widersprochen und hat für ein Ende des Gesellschaftsvertrags an Landesgrenzen argumentiert, weil nur der Nationalstaat die entsprechenden Strukturen für eine solch weitgehende sozialethische Gestaltung habe. Denn auch die Grundfreiheiten müssten ja international gelten, was schon an einem einheitlichen politischen System mit Akzeptanz bei der Weltbevölkerung scheitert.

Habermas hatte die Vision einer solchen „Weltinnenpolitik“. Er formulierte, dass über einen nicht-politischen Diskurs und die Orientierung am richtigen Argument, also der Rationalität, über die Zeit mulitlaterale und globale Institutionen wachsen können, die Ähnliches leisten – deshalb seine große Hoffnung bezüglich der Entwicklung der Europäischen Union. Die Akzeptanz und Stabilität solch mulitlateraler Institutionen steht heute wieder in der Kritik. Doch nur, wenn es gelingt, starke und akzeptierte multilaterale Organisationen zu etablieren, können auch internationale Ungleichheiten und globale Herausforderungen, die auf Ebene des Nationalstaats nicht mehr zu lösen sind, angegangen werden.

Zurück zu der Ausgangsfrage des Abends: Ich erkenne die Menschenrechte des indischen Kindes in vollem Umfang an, bin auch zur Empathie fähig, lehne aber eine individuelle Verantwortung, wie sie Peter Singer bzw. der Utilitarismus einfordert, ab. Ich lehne es gleichsam ab, dass wir keinerlei ethischen Imperativ haben, und somit nach dem Lustprinzip entscheiden können, ob wir ethisch handeln. Vielmehr halte ich die Orientierung an Recht und Gesetz und an in allen Weltreligionen überlieferten Werten (siehe z.B. Weltethos, Küng) für entscheidend für gesellschaftliches Zusammenleben und damit auch für zwingend für jeden Einzelnen. Ob der Einzelne dieses ethische Handeln aus dem Grundgesetz, aus einer Religion oder aus seinen biologisch angelegten Präferenzen für Fairness ableitet, ist zweitrangig. Für diese Werte setzen wir uns aber effektiver ein, wenn wir uns auf allen Ebenen politisch einbringen, vom Elternbeirat bis zum Bundestag, als wenn wir statt Pasta einen Spendenscheck konsumieren. Mein ethischer Fokus liegt somit auf unserer kollektiven Verantwortung, faires Zusammenleben zu organisieren, nicht auf individueller Verantwortung, eigenes Einkommen selbständig umzuverteilen. Nachhaltige Veränderung von Lebenschancen, sowohl in Indien als auch in Deutschland, entsteht nur durch Systemveränderungen, nur temporär und unzuverlässig durch individuelle Wohltätigkeit. Würde ich mich trotzdem für eine Spende nach Indien entscheiden, würde ich sie deshalb eher Organisationen geben, die sich gegen Korruption einsetzen oder demokratischen Wandel voranbringen, als Organisationen, die zwar Einzelschicksale retten, aber die Institutionen, die diese Schicksale erst verursachen, ignorieren.

Das indische Kind ist also nicht allgemein weniger wert als ein deutsches Kind. Es hat die gleiche Menschenwürde. Aber meine individuelle Verantwortung für das indische Kind ist geringer. Ist das provokant? Ich meine, es spiegelt die ethische Abwägung, die jeder im täglichen Leben machen muss.

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