{"id":221,"date":"2019-02-17T16:17:23","date_gmt":"2019-02-17T16:17:23","guid":{"rendered":"http:\/\/arnim-emrich.de\/?p=221"},"modified":"2019-03-28T20:03:25","modified_gmt":"2019-03-28T20:03:25","slug":"das-falsche-ziel-glueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/arnim-emrich.de\/?p=221","title":{"rendered":"Das falsche Ziel: Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"\n<p>Wir w\u00fcnschen es uns zum Geburtstag. Es gibt Unmengen an B\u00fcchern, die uns helfen sollen, es zu erreichen. Die Werbung versucht bei jedem noch so schn\u00f6den Produkt zu vermitteln, dass der Kauf genau dieses Autos uns gl\u00fccklich machen wird. Doch die einfache Wahrheit ist: Gl\u00fcck gibt es nicht ohne Ungl\u00fcck. Jeder Moment unbeschr\u00e4nkter Freude tr\u00e4gt den Montag danach, die Routine und die Entt\u00e4uschung, dass es nicht so weitergeht, in sich. &#8222;The pursuit of happiness&#8220; ist ein Ziel, das zum Scheitern verurteilt ist.  <\/p>\n\n\n\n<h2>&#8222;Gl\u00fccksforschung&#8220;<\/h2>\n\n\n\n<p>Die so genannte &#8222;Gl\u00fccksforschung&#8220; ist ein Teilbereich der \u00d6konomie, der weitgehend auf Basis von Befragungen, inzwischen auch durch Messungen von Reaktionen des Gehirns und Reaktionsstudien \u00fcber die Zeit, feststellen will, was uns &#8211; nach unserer eigenen Einsch\u00e4tzung bzw. auf Grund positiver Botenstoffe unseres Gehirns &#8211; gl\u00fccklich macht. Sie stellt fest, dass &#8222;empfundenes Gl\u00fcck&#8220; st\u00e4rker von sozialen Beziehungen und menschlicher Interaktion abh\u00e4ngt als von Konsum, dass Erfahrungen und Erlebnisse mehr Auswirkungen auf empfundenes Gl\u00fcck haben als materielle G\u00fcter, und dass es einen Zusammenhang zwischen niedrigem Einkommen und weniger empfundenem Gl\u00fcck gibt, der aber bereits ab mittleren Einkommen weitgehend verschwindet. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem, das diese Gl\u00fccksforschung in sich tr\u00e4gt, ist die Pr\u00e4misse, Menschen k\u00f6nnten ihr Gl\u00fcck bewerten. Denn was ist der Ma\u00dfstab dieser Bewertung? Nach allen Erkenntnissen der Verhaltenspsychologie ist der Ma\u00dfstab der Vergleich mit Anderen. Zwei Personen mit gleichem Einkommen, gleichen G\u00fctern, gleichen Freundeskreisen und gleicher Gesundheit k\u00f6nnten also zu v\u00f6llig unterschiedlichen Einsch\u00e4tzungen ihres Gl\u00fccks kommen, nur weil sie sich mit v\u00f6llig anderen Personen oder Aspekten im Leben vergleichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zweite Problem der Gl\u00fccksforschung ist, dass h\u00e4ufig Empfehlungen resultieren, die das Gl\u00fcck vermeintlich erh\u00f6hen k\u00f6nnten. Man solle also besser &#8222;Erlebnisse&#8220; konsumieren als &#8222;G\u00fcter&#8220;. Also besser die n\u00e4chste Reise buchen als das neue Sakko kaufen. Was aber nicht in Frage gestellt wird ist, ob das Konzept Gl\u00fcck an sich das richtige Lebensziel ist, und ob Konsum eine Rolle bei dessen Erreichen spielt.<\/p>\n\n\n\n<h2>Das Mantra der Zielerreichung<\/h2>\n\n\n\n<p>Unsere Gesellschaft ist so durch\u00f6konomisiert, dass es keinen Bereich mehr zu geben scheint, in dem es nicht in irgendeiner Form um das Setzen und Erreichen von Zielen geht. Ist ein Ziel erreicht, muss das n\u00e4chste gesetzt werden. In diesen Gesamtkontext wird nun auch der &#8222;pursuit of happiness&#8220; eingeordnet. Man setze sich die richtigen Ziele und man werde gl\u00fccklich. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch genau hier liegt das gr\u00f6\u00dfte Missverst\u00e4ndnis. Denn eine &#8222;Zielerreichung&#8220; f\u00fchrt gerade zum Gegenteil von Zufriedenheit. Sie l\u00e4sst uns Menschen zun\u00e4chst orientierungslos zur\u00fcck bis wir uns das n\u00e4chste Ziel gesetzt haben. Zielerreichung, egal in welchem Bereich und egal, ob die Gl\u00fccksforschung diesen Bereich als relevanter oder weniger relevant f\u00fcr unser in Fragebogen empfundenes Gl\u00fcck einordnet, ist Haben-Wollen. Sobald wir aber &#8222;haben&#8220;, hat das Ziel keine Bedeutung mehr. Wenn wir heiraten, weil wir uns das Ziel gesetzt haben, verheiratet zu sein &#8211; welche Bedeutung hat unsere Ehe dann am Tag danach? Wenn wir arbeiten, um bef\u00f6rdert zu werden? Welche Bedeutung hat dann unsere Arbeit am Tag nach der Bef\u00f6rderung?<\/p>\n\n\n\n<h2>Und die L\u00f6sung: Sein<\/h2>\n\n\n\n<p>Sobald wir unsere Vorstellung vom Leben nicht mehr daran ausrichten, was wir haben oder erreichen wollen, sondern wie wir sein wollen, k\u00f6nnen wir dem Hamsterrad der st\u00e4ndigen Zielsetzung und -erreichung entfliehen. Denn ein Ziel f\u00fcrs eigene &#8222;Sein&#8220;, kann nie erreicht werden. Nehmen wir die Ehe: Wenn wir uns vornehmen unseren Partner zu lieben, jeden Tag aufs Neue, dann ist diese Lebensausrichtung dauerhaft und bereichert unser ganzes Leben, obwohl wir nie ein Ergebnis erzielen. Eine solche Orientierung am &#8222;Sein&#8220; ist keine Gl\u00fccksformel. Wir werden trotzdem schwere Krankheiten (mit-)erleben und uns mit der Endlichkeit des Lebens auseinandersetzen m\u00fcssen. Wir werden trotzdem unsere eigene Unwissenheit sp\u00fcren und am Sinn des Lebens zweifeln. Aber je mehr es gelingt, das &#8222;Sein&#8220; in den Vordergrund zu r\u00fccken, desto weniger anf\u00e4llig werden wir f\u00fcr Gl\u00fccksversprechen, die auf &#8222;Haben-Wollen&#8220; basieren. Wir verabschieden uns vom &#8222;pursuit of happiness&#8220;, weil wir wissen, dass das Gl\u00fcck in jedem Moment liegt, nicht im Erreichen eines Ziels.<\/p>\n\n\n\n<p><em>P.S. Inspiriert ist dieser Text von diverser Lekt\u00fcre zur Gl\u00fccksforschung und von dem Buch &#8222;Haben oder Sein&#8220; von Erich Fromm.   <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir w\u00fcnschen es uns zum Geburtstag. 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