{"id":225,"date":"2019-03-28T19:47:22","date_gmt":"2019-03-28T19:47:22","guid":{"rendered":"http:\/\/arnim-emrich.de\/?p=225"},"modified":"2019-06-24T11:38:23","modified_gmt":"2019-06-24T11:38:23","slug":"eingebildete-offenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/arnim-emrich.de\/?p=225","title":{"rendered":"Eingebildete Offenheit"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich war mir sicher. Deutschland ist offen f\u00fcr Fremde. Deutsche, die man als Rucksacktourist traf, vermieden andere Deutsche, weil sie sich auf das Land einlassen und nicht mit Deutschen Zeit verbringen wollten. Deutschland war der weltoffene Gastgeber f\u00fcr die WM 2006. Die ganze internationale Presse \u00fcberschlug sich vor Lob f\u00fcr unerwartete Freundlichkeit im Land des dritten Reichs.  <\/p>\n\n\n\n<p>Unabh\u00e4ngig von dieser v\u00f6llig unreflektierten pers\u00f6nlichen Wahrnehmung war ich mir aber vor allem sicher: Unternehmen sind angesichts zunehmender Probleme, gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden, gezwungen, Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4ndern gegen\u00fcber aufgeschlossen zu sein und die Auswahl neuen Personals nicht ans Deutsch-Sein zu kn\u00fcpfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die schlechte Nachricht: Wir Deutschen bilden uns einen Gro\u00dfteil dieser Offenheit ein. Wir gefallen uns selbst in unseren h\u00e4ufig sehr deutschen, aufgekl\u00e4rten, politisch korrekten Freundeskreisen. Wir erz\u00e4hlen Zugezogenen, dass sie sich nur bem\u00fchen (und nat\u00fcrlich Deutsch lernen) m\u00fcssen und dann werden sie die gleichen Chancen wie jede oder jeder Deutsche haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Werden wir dann mit Gegenbeispielen, gar mit einer alternativen, wesentlich negativeren Erz\u00e4hlung konfrontiert, reagieren wir mit Unverst\u00e4ndnis. Fast agressiv weisen wir Erfahrungen von Menschen mit anderer Hautfarbe, anderem Akzent oder anderem Pass, die in Deutschland leben, zur\u00fcck. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Es kann nicht sein, dass das Land, von dem man sich in seiner deutschen Akademikerwelt ein so positives Bild erz\u00e4hlt hat, von anderen so ganz anders wahrgenommen wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch wie kann es sein, dass die Wahrnehmungen so auseinandergehen? Wie kann es sein, dass Studien schon seit Jahrzehnten ausl\u00e4nderfeindliche Tendenzen bei einem Drittel der deutschen Bev\u00f6lkerung identifiziert haben und trotzdem die \u00dcberraschung bez\u00fcglich der Zustimmung zu Positionen der AfD auch nach mehreren Jahren in Kommentaren und Leitartikeln nicht verschwunden ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Die erwartbare Erkl\u00e4rung w\u00e4re: Es gibt in der Provinz und in der sozial schw\u00e4cheren Schicht Menschen, die ausl\u00e4nderfeindlich sind, die man in seinem st\u00e4dtischen Akademikerleben gar nicht wahrgenommen hat. Doch ist die &#8222;angry white man&#8220;-These, die alles Unerkl\u00e4rliche auf angeblich frustrierte Menschen in Regionen schiebt, in denen man selbst nicht lebt, in Bezug auf Offenheit gegen\u00fcber Fremden nicht einfach nur eine bequeme Ausrede? Sie erm\u00f6glicht die kognitive Dissonanz zwischen dem Anspruch, dass man selbst und das eigene Umfeld den hohen Standards von Offenheit v\u00f6llig entsprechen, und der Realit\u00e4t, dass dies nicht der Fall sein k\u00f6nnte, aufzul\u00f6sen. Die Nicht-Offenheit wird ausgelagert auf Menschen, die man nicht kennt und deren Einstellungen und Lebensstil man ohne weiteres Nachdenken abwertet. H\u00e4ufig tun dies sogar Akademiker, die selbst auf dem Land aufgewachsen sind, die selbst Familie in den angeblich so hinterw\u00e4ldlerischen Landstrichen haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Viel unangenehmer w\u00e4re es anzuerkennen, dass in der eigenen Gruppe, also unter  Menschen mit guter Ausbildung, bei Menschen in Entscheidungspositionen in Wirtschaft und Verwaltung, bei Menschen mit denen man sich selbst identifiziert, Ausl\u00e4nderfeindlichkeit, Diskriminierung und Rassismus existieren. Noch unangenehmer w\u00e4re, sich selbst zu hinterfragen, ob man selbst solch Denkmuster aufweist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zwei Wege bei diesem Thema als Deutscher seine naive, \u00fcberm\u00e4\u00dfig positive Sicht des eigenen Landes in Frage zu stellen. Entweder man verbringt ausreichend Zeit mit einem Nicht-Deutschen bzw. einem Deutschen, der nicht &#8222;deutsch&#8220; aussieht, und l\u00e4sst sich von dessen oder deren Alltagserfahrungen berichten. Oder man besch\u00e4ftigt sich genauer mit dem, was es inzwischen an Studien und Ver\u00f6ffentlichungen gibt. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich pers\u00f6nlich war der Ausl\u00f6ser mich mit meiner eigenen Naivit\u00e4t n\u00e4her auseinanderzusetzen meine Frau Daniela. Sie kam nach Deutschland als Akademikerin mit Berufserfahrung aus Rum\u00e4nien. Sie lernte schnell und gut Deutsch. Ein wunderbarer Fall f\u00fcr gelungene Integration. Und doch erlebte sie Diskriminierung im Alltag, bei der Jobsuche und am Arbeitsplatz. Manche Erfahrungen sind f\u00fcr sich alleine unbedeutend, aber sie kommen h\u00e4ufig vor: Da kommt ein Kunde in den Betrieb meiner Frau, beschwert sich bei ihr und fragt dann nach dem Chef. Dass sie dieser Chef ist, f\u00fchrt zu ungl\u00e4ubigem Staunen.  Oder jemand fragt penetrant nach dem Herkunftsort, was manchmal neugieriges Interesse darstellt, aber h\u00e4ufig so wirkt, als wolle das Gegen\u00fcber die Person in das eigene Bewertungssystem einsortieren. Andere Erfahrungen sind selten, aber schwer zu ignorieren: Dazu geh\u00f6rt ein Bewerbungsgespr\u00e4ch, in dem der Job von der zuk\u00fcnftigen Vorgesetzten schon versprochen wird, nur um anschlie\u00dfend eine Email zu erhalten, in der sie sich mit Verweis auf ihren Chef entschuldigt, der lieber eine Deutsche wollte. Dazu geh\u00f6rt auch der Tipp eines Deutschen, meine Frau, die Akademikerin mit Master-Abschluss ist, k\u00f6nne doch in einer G\u00e4rtnerei anfangen. Und nat\u00fcrlich gab es auch die offenen und versteckten Hinweise, dass eine Rum\u00e4nin es ja bestimmt auf mein Geld abgesehen habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Meine Naivit\u00e4t war nach diesen Erfahrungen und Beobachtungen, die auch Menschen meines unmittelbaren Umfelds betrafen, dahin. Meine Skepsis gegen\u00fcber dem eigenen Land und den sozialen Selektionsmustern war geweckt. Und es finden sich ganz unterschiedliche Quellen, die die subjektiven Eindr\u00fccke best\u00e4tigen: <\/p>\n\n\n\n<ul><li>In einer repr\u00e4sentativen Umfrage stimmen 35,6% manifest, weitere 28,1% latent zu, dass &#8222;die Bundesrepublik durch die vielen Ausl\u00e4nder in einem gef\u00e4hrlichen Ma\u00df \u00fcberfremdet&#8220; ist. Nur eine Minderheit der Deutschen lehnt eine solche ausl\u00e4nderfeindliche Aussage also in Befragungen ab! \u00c4hnlich ist es bei Aussagen wie &#8222;die Ausl\u00e4nder kommen nur hierher, um den Sozialstaat auszunutzen&#8220; (<a href=\"https:\/\/arnim-emrich.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/leipziger_autoritarismus-studie_2018_-_flucht_ins_autoritaere.pdf\">Studie, 2018<\/a>, siehe Grafik Seite 77)! <\/li><li>Manifeste Ausl\u00e4nderfeindlichkeit findet sich zwar in st\u00e4rkerem Ausma\u00dfe bei Arbeitslosen, bei Menschen ohne Abitur und bei Menschen im Ruhestand, aber in geringeren Ausma\u00df in allen soziodemographischen Gruppen. Gerade bei gut gebildeten Befragten muss zudem ein erheblicher Anteil vermutet werden, der die tats\u00e4chliche Einstellung nicht offenbart, weil diese &#8222;sozial unerw\u00fcnscht&#8220; ist.<\/li><li>Personalabteilungen von Unternehmen denken in Stereotypen und diskriminieren auf Grund von Pr\u00e4ferenzen hinsichtlich vermuteter kultureller Werte (<a href=\"https:\/\/arnim-emrich.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Studie_Bewerbungsdiskriminierung_2018-Koopmanns.pdf\">Studie, 2018<\/a>).<\/li><li>Es gibt beunruhigende Anzeichen f\u00fcr einen &#8222;institutionellen Rassismus&#8220; in unseren Ermittlungsbeh\u00f6rden und der Verwaltung, die der Nebenklage-Anwalt Mehmet Daimag\u00fcler im Schlusspl\u00e4doyer des NSU-Prozesses offenlegt (<a href=\"https:\/\/www.luebbe.de\/bastei-luebbe\/buecher\/politik-und-gesellschaft\/empoerung-reicht-nicht\/id_6504436\">Buch, Emp\u00f6rung reicht nicht, 2017<\/a>).<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>So offen, wie ich mir mein Deutschland eingebildet hatte, ist es also nicht. Weder in der Breite der Gesellschaft, noch unter Gebildeten und Entscheidungstr\u00e4gern. Doch Mehmet Daimag\u00fcler hat klug bemerkt: Noch schlimmer als Rassismus, ist es in Deutschland Rassismus zu beschreiben. Das hat er an zahllosen Beleidigungen in den sozialen Medien erlebt. Das haben auch die Autoren der Studie zu ausl\u00e4nderfeindlichen Einstellungen geschildert. Die Phalanx derer, die lieber einen Rassisten verteidigen, als &#8222;die Deutschen&#8220; zu kritisieren, scheint stark zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Jede und jeder von uns kann kleine und gro\u00dfe Dinge tun, um ausl\u00e4nderfeindlichen Tendenzen entgegenzutreten und die Offenheit gegen\u00fcber Fremden zu st\u00e4rken &#8211; die eigene und damit in kleinen Schritten auch die unserer Gesellschaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Die kleinen Dinge betreffen den Alltag: Man wird Zeuge von fremdenfeindlichem Verhalten, und schaut nicht weg, sondern schreitet ein. Am Mittagstisch h\u00f6rt man abwertenden Aussagen \u00fcber bestimmte Volksgruppen und h\u00f6rt nicht weg, sondern widerspricht. Und noch harmloser, aber total wichtig: Wir suchen das Gespr\u00e4ch mit denen, die mit uns leben oder arbeiten, f\u00fcr uns Dienstleistungen erbringen oder jeden Morgen mit uns im Bus sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:left\">Die gro\u00dfen Dinge h\u00e4ngen von unseren Einflusssph\u00e4ren ab: Pflegen wir Freundschaften mit Menschen mit anderer Geschichte und Herkunft? Setzen wir uns f\u00fcr Offenheit in der Einstellungspolitik im eigenen Unternehmen ein? \u00c4u\u00dfern wir uns \u00f6ffentlich, sei es in den sozialen Medien oder auf Demonstrationen? Und schlie\u00dflich: Welche Rolle spielt die Offenheit gegen\u00fcber Fremden bei unserem Wahlverhalten? Bestrafen wir Politiker, die die niederen Instinkte ansprechen, die dadurch gewinnen wollen, dass ein Teil der Bev\u00f6lkerung verliert? <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war mir sicher. Deutschland ist offen f\u00fcr Fremde. Deutsche,&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/arnim-emrich.de\/?p=225\">Beitrag lesen<span class=\"screen-reader-text\">Eingebildete Offenheit<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":""},"categories":[6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/225"}],"collection":[{"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=225"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/225\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":259,"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/225\/revisions\/259"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=225"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=225"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=225"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}