{"id":252,"date":"2019-07-20T09:24:02","date_gmt":"2019-07-20T09:24:02","guid":{"rendered":"http:\/\/arnim-emrich.de\/?p=252"},"modified":"2020-06-17T08:12:09","modified_gmt":"2020-06-17T08:12:09","slug":"warum-mir-das-indische-kind-weniger-wert-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/arnim-emrich.de\/?p=252","title":{"rendered":"Warum mir das indische Kind weniger Wert ist"},"content":{"rendered":"\n<p>Bei einer abendlichen Diskussion forderte ein Bekannter meine ethische Haltung mit der Frage heraus: &#8222;Warum geben wir 100 Euro f\u00fcr dieses Abendessen und helfen damit nicht einem indischen Kind wieder zu sehen?&#8220;  <\/p>\n\n\n\n<p>Beginnen wir mit seiner Sicht: Er sagt, das einzige akzeptable ethische Prinzip ist der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Utilitarismus\">Utilitarismus<\/a>. Dieser geht davon aus, dass Handeln dann gut ist, wenn der Nutzen der gesamten Erdbev\u00f6lkerung dadurch steigt oder Schmerzen der gesamten Erdbev\u00f6lkerung dadurch sinken. Einige Utilitaristen weiten dieses Prinzip auch auf diejenigen Tiere aus, die Schmerzen empfinden k\u00f6nnen (siehe <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Praktische_Ethik\">Peter Singer, Praktische Ethik<\/a>). Danach ist unsere abendliche Konsumentscheidung eindeutig ethisch falsch, denn der &#8222;Mehrwert&#8220; des Geldes in einem Programm, das indischen Kindern das Augenlicht erm\u00f6glicht, ist ungleich h\u00f6her. Warum sitzt er also noch mit mir am Tisch? Er sagt: Zwar ist der Utilitarismus das einzige intellektuell \u00fcberzeugende ethische Prinzip, aber er ist nicht \u00fcberzeugt, dass wir \u00fcberhaupt ethisch handeln m\u00fcssen. Er glaubt nicht an Gott oder ein Leben nach dem Tod. Ethisches Handeln ist somit optional &#8211; man kann es tun, wenn man Lust dabei empfindet, man kann es aber auch lassen. Er schlie\u00dft sich damit einer der beiden Hauptkritiken des Utilitarismus an, die dessen mangelnde Begr\u00fcndung hinterfragen. <\/p>\n\n\n\n<p>Seine Kritik am Utilitarismus, dass eine Begr\u00fcndung f\u00fcr die Akzeptanz der aufgestellten Ethikregeln fehlt, teile ich. Ich hinterfragte den Utilitarismus auch aus weiteren Gr\u00fcnden: Insbesondere ist es ein rein theoretisches Konstrukt, das einem Individuum nicht als Handlungsorientierung dienen kann. Woher wei\u00df der Einzelne, welche seiner Entscheidungen global das Gesamtwohl steigern w\u00fcrden? Wer definiert die jeweiligen Nutzenfunktionen? Und deren Gewichtung? Und wie geht der Utilitarismus mit Unsicherheit um? Am bekanntesten ist hier die Frage, ob ein gekidnapptes Flugzeug mit unschuldigen Passagieren abgeschossen werden kann, um einen Terroranschlag zu verhindern. Der Utilitarismus sagt ja, das <a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/2006\/02\/rs20060215_1bvr035705.html\">Bundesverfassungsgericht <\/a>unter Verweis auf die Menschenw\u00fcrde nein.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit so gut. Doch dann stellte er mich vor die Konsequenz, dass dann weder das ethische Handeln f\u00fcr das Kind in Indien noch f\u00fcr das Kind in meiner Familie notwendig w\u00e4re. Wenn es keine Begr\u00fcndung f\u00fcr ethisches Handeln gibt, bleibt ethisches Handeln eine Option. <\/p>\n\n\n\n<p>An dem Abend habe ich argumentiert, dass ethisches Handeln immer aus den eigenen Emotionen, Gef\u00fchlen und Interessen motiviert ist. Ich handle ethisch, weil ich am Gemeinwesen in meiner Familie, in meiner Stadt, in meinem Land und vielleicht auch in der Welt ein eigenes Interesse habe. Unsere Nutzenfunktionen, wenn man diesen Begriff \u00fcberhaupt verwenden will, sind komplex und neuere Verhaltenswissenschaft zeigt, dass ein Wunsch nach Fairness und soziales Miteinander einprogrammiert ist. Es braucht keine theoretische Begr\u00fcndung f\u00fcr ethisches Handeln, es ist uns biologisch angeboren. Das soziale Gemeinschaftsgef\u00fchl, das ich mit anderen in meiner Gruppe teile, erm\u00f6glicht mir die Akzeptanz von Umverteilung, von sozialen Sicherungssystemen, die ich mitfinanziere, von Investitionen in Bildung abseits der eigenen Familie, usw. Mein Gespr\u00e4chspartner brachte den Begriff aus der empirischen Psychologieforschung in die Diskussion ein, die gezeigt hat, dass Menschen &#8222;Ethikkreise&#8220; bilden, dass wir ethische Fragestellungen also unterschiedlich bewerten, je nachdem wie nahe uns eine Person steht.  Dem kann ich mich anschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Stellen wir uns n\u00e4mlich vor, dass das blinde Kind mein eigenes w\u00e4re. Sofort w\u00fcrde ich auf das Abendessen beim Italiener verzichten, um eine Operation zu finanzieren. W\u00e4re dies notwendig, w\u00fcrde ich eine \u00e4hnliche Entscheidung wohl auch im weiteren Familienkreis treffen. Doch schon bei einem unbekannten deutschen Kind w\u00fcrde sich meine ethische Bewertung ver\u00e4ndern. Ich s\u00e4he nicht mehr die individuelle Verantwortung bei mir als Einzelperson (Konsumverzicht vs. Hilfe f\u00fcr Bed\u00fcrftige), sondern ich erwarte von einem funktionierenden Gemeinwesen, das ich gerne mit finanziere, Bed\u00fcrftigen Hilfe zukommen zu lassen. Der Unterschied: Bei der L\u00f6sung \u00fcber das Gemeinwesen kann auch die Beteiligung aller Leistungsf\u00e4higen der Gesellschaft sichergestellt werden, ohne Einzelne \u00fcber die Ma\u00dfen zu belasten. Die individuelle Verantwortung wird zur gesellschaftlichen Verantwortung. John Rawls hat f\u00fcr mich dabei die ma\u00dfgeblichen Regeln aufgestellt, an welchen Ma\u00dfst\u00e4ben das Gesellschaftssystem zu messen ist. Es ist n\u00e4mlich so zu gestalten, dass man dem System ohne Wissen \u00fcber die eigene Position in der Gesellschaft, zustimmen w\u00fcrde. Dies verwirklicht er mit drei Prinzipien: Erstens &#8222;Freiheit&#8220;, wozu Gedankenfreiheit, Religions-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, das Wahlrecht und das Recht auf Eigentum geh\u00f6ren &#8211; Prinzipien, die in Deutschland im Grundgesetz zu finden sind. Zweitens &#8222;Chancengleichheit&#8220;, also die M\u00f6glichkeit bei gleicher Begabung das Gleiche zu erreichen unabh\u00e4ngig von anderen Kriterien &#8211; hier sinnvoll erg\u00e4nzt durch die Gedanken von Amartya Sen, der neben reiner finanzieller Ausstattung die Teilhabe \u00fcber den &#8222;Capability&#8220;-Ansatz in den Vordergrund gestellt hat. Und drittens das &#8222;Differenzprinzip&#8220;, also soziale und wirtschaftliche Ungleichheit nur insoweit zu akzeptieren, dass auf Grund dieser Ungleichheit die Schw\u00e4chsten der Bev\u00f6lkerung ebenfalls profitieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Herausforderung, die Rawls nicht vollst\u00e4ndig bew\u00e4ltigt hat, ist die internationale Dimension dieser Frage. So gab es Denker wie Thomas Pogge, die das Differenzprinzip vollst\u00e4ndig in internationalem Rahmen anwenden wollten. Dem hat Rawls selbst widersprochen und hat f\u00fcr ein Ende des Gesellschaftsvertrags an Landesgrenzen argumentiert, weil nur der Nationalstaat die entsprechenden Strukturen f\u00fcr eine solch weitgehende sozialethische Gestaltung habe. Denn auch die Grundfreiheiten m\u00fcssten ja international gelten, was schon an einem einheitlichen politischen System mit Akzeptanz bei der Weltbev\u00f6lkerung scheitert. <\/p>\n\n\n\n<p>Habermas hatte die Vision einer solchen &#8222;Weltinnenpolitik&#8220;. Er formulierte, dass \u00fcber einen nicht-politischen Diskurs und die Orientierung am richtigen Argument, also der Rationalit\u00e4t, \u00fcber die Zeit mulitlaterale und globale Institutionen wachsen k\u00f6nnen, die \u00c4hnliches leisten &#8211; deshalb seine gro\u00dfe Hoffnung bez\u00fcglich der Entwicklung der Europ\u00e4ischen Union. Die Akzeptanz und Stabilit\u00e4t solch mulitlateraler Institutionen steht heute wieder in der Kritik. Doch nur, wenn es gelingt, starke und akzeptierte multilaterale Organisationen zu etablieren, k\u00f6nnen auch internationale Ungleichheiten und globale Herausforderungen, die auf Ebene des Nationalstaats nicht mehr zu l\u00f6sen sind, angegangen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu der Ausgangsfrage des Abends: Ich erkenne die Menschenrechte des indischen Kindes in vollem Umfang an, bin auch zur Empathie f\u00e4hig, lehne aber eine individuelle Verantwortung, wie sie Peter Singer bzw. der Utilitarismus einfordert, ab. Ich lehne es gleichsam ab, dass wir keinerlei ethischen Imperativ haben, und somit nach dem Lustprinzip entscheiden k\u00f6nnen, ob wir ethisch handeln. Vielmehr halte ich die Orientierung an Recht und Gesetz und an in allen Weltreligionen \u00fcberlieferten Werten (siehe z.B. <a href=\"https:\/\/www.weltethos.org\/hans%20k%C3%BCngs%20%E2%80%9Eprojekt%20weltethos%E2%80%9C\/\">Weltethos, K\u00fcng<\/a>) f\u00fcr entscheidend f\u00fcr gesellschaftliches Zusammenleben und damit auch f\u00fcr zwingend f\u00fcr jeden Einzelnen. Ob der Einzelne dieses ethische Handeln aus dem Grundgesetz, aus einer Religion oder aus seinen biologisch angelegten Pr\u00e4ferenzen f\u00fcr Fairness ableitet, ist zweitrangig. F\u00fcr diese Werte setzen wir uns aber effektiver ein, wenn wir uns auf allen Ebenen politisch einbringen, vom Elternbeirat bis zum Bundestag, als wenn wir statt Pasta einen Spendenscheck konsumieren. Mein ethischer Fokus liegt somit auf unserer kollektiven Verantwortung, faires Zusammenleben zu organisieren, nicht auf individueller Verantwortung, eigenes Einkommen selbst\u00e4ndig umzuverteilen. Nachhaltige Ver\u00e4nderung von Lebenschancen, sowohl in Indien als auch in Deutschland, entsteht nur durch Systemver\u00e4nderungen, nur tempor\u00e4r und unzuverl\u00e4ssig durch individuelle Wohlt\u00e4tigkeit. W\u00fcrde ich mich trotzdem f\u00fcr eine Spende nach Indien entscheiden, w\u00fcrde ich sie deshalb eher Organisationen geben, die sich gegen Korruption einsetzen oder demokratischen Wandel voranbringen, als Organisationen, die zwar Einzelschicksale retten, aber die Institutionen, die diese Schicksale erst verursachen, ignorieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das indische Kind ist also nicht allgemein weniger wert als ein deutsches Kind. Es hat die gleiche Menschenw\u00fcrde. Aber meine individuelle Verantwortung f\u00fcr das indische Kind ist geringer. Ist das provokant? Ich meine, es spiegelt die ethische Abw\u00e4gung, die jeder im t\u00e4glichen Leben machen muss.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei einer abendlichen Diskussion forderte ein Bekannter meine ethische Haltung&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/arnim-emrich.de\/?p=252\">Beitrag lesen<span class=\"screen-reader-text\">Warum mir das indische Kind weniger Wert ist<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":""},"categories":[6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/252"}],"collection":[{"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=252"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/252\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":286,"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/252\/revisions\/286"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=252"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=252"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/arnim-emrich.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=252"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}