Das falsche Ziel: Glück

Wir wünschen es uns zum Geburtstag. Es gibt Unmengen an Büchern, die uns helfen sollen, es zu erreichen. Die Werbung versucht bei jedem noch so schnöden Produkt zu vermitteln, dass der Kauf genau dieses Autos uns glücklich machen wird. Doch die einfache Wahrheit ist: Glück gibt es nicht ohne Unglück. Jeder Moment unbeschränkter Freude trägt den Montag danach, die Routine und die Enttäuschung, dass es nicht so weitergeht, in sich. „The pursuit of happiness“ ist ein Ziel, das zum Scheitern verurteilt ist.

„Glücksforschung“

Die so genannte „Glücksforschung“ ist ein Teilbereich der Ökonomie, der weitgehend auf Basis von Befragungen, inzwischen auch durch Messungen von Reaktionen des Gehirns und Reaktionsstudien über die Zeit, feststellen will, was uns – nach unserer eigenen Einschätzung bzw. auf Grund positiver Botenstoffe unseres Gehirns – glücklich macht. Sie stellt fest, dass „empfundenes Glück“ stärker von sozialen Beziehungen und menschlicher Interaktion abhängt als von Konsum, dass Erfahrungen und Erlebnisse mehr Auswirkungen auf empfundenes Glück haben als materielle Güter, und dass es einen Zusammenhang zwischen niedrigem Einkommen und weniger empfundenem Glück gibt, der aber bereits ab mittleren Einkommen weitgehend verschwindet.

Das Problem, das diese Glücksforschung in sich trägt, ist die Prämisse, Menschen könnten ihr Glück bewerten. Denn was ist der Maßstab dieser Bewertung? Nach allen Erkenntnissen der Verhaltenspsychologie ist der Maßstab der Vergleich mit Anderen. Zwei Personen mit gleichem Einkommen, gleichen Gütern, gleichen Freundeskreisen und gleicher Gesundheit könnten also zu völlig unterschiedlichen Einschätzungen ihres Glücks kommen, nur weil sie sich mit völlig anderen Personen oder Aspekten im Leben vergleichen.

Das zweite Problem der Glücksforschung ist, dass häufig Empfehlungen resultieren, die das Glück vermeintlich erhöhen könnten. Man solle also besser „Erlebnisse“ konsumieren als „Güter“. Also besser die nächste Reise buchen als das neue Sakko kaufen. Was aber nicht in Frage gestellt wird ist, ob das Konzept Glück an sich das richtige Lebensziel ist, und ob Konsum eine Rolle bei dessen Erreichen spielt.

Das Mantra der Zielerreichung

Unsere Gesellschaft ist so durchökonomisiert, dass es keinen Bereich mehr zu geben scheint, in dem es nicht in irgendeiner Form um das Setzen und Erreichen von Zielen geht. Ist ein Ziel erreicht, muss das nächste gesetzt werden. In diesen Gesamtkontext wird nun auch der „pursuit of happiness“ eingeordnet. Man setze sich die richtigen Ziele und man werde glücklich.

Doch genau hier liegt das größte Missverständnis. Denn eine „Zielerreichung“ führt gerade zum Gegenteil von Zufriedenheit. Sie lässt uns Menschen zunächst orientierungslos zurück bis wir uns das nächste Ziel gesetzt haben. Zielerreichung, egal in welchem Bereich und egal, ob die Glücksforschung diesen Bereich als relevanter oder weniger relevant für unser in Fragebogen empfundenes Glück einordnet, ist Haben-Wollen. Sobald wir aber „haben“, hat das Ziel keine Bedeutung mehr. Wenn wir heiraten, weil wir uns das Ziel gesetzt haben, verheiratet zu sein – welche Bedeutung hat unsere Ehe dann am Tag danach? Wenn wir arbeiten, um befördert zu werden? Welche Bedeutung hat dann unsere Arbeit am Tag nach der Beförderung?

Und die Lösung: Sein

Sobald wir unsere Vorstellung vom Leben nicht mehr daran ausrichten, was wir haben oder erreichen wollen, sondern wie wir sein wollen, können wir dem Hamsterrad der ständigen Zielsetzung und -erreichung entfliehen. Denn ein Ziel fürs eigene „Sein“, kann nie erreicht werden. Nehmen wir die Ehe: Wenn wir uns vornehmen unseren Partner zu lieben, jeden Tag aufs Neue, dann ist diese Lebensausrichtung dauerhaft und bereichert unser ganzes Leben, obwohl wir nie ein Ergebnis erzielen. Eine solche Orientierung am „Sein“ ist keine Glücksformel. Wir werden trotzdem schwere Krankheiten (mit-)erleben und uns mit der Endlichkeit des Lebens auseinandersetzen müssen. Wir werden trotzdem unsere eigene Unwissenheit spüren und am Sinn des Lebens zweifeln. Aber je mehr es gelingt, das „Sein“ in den Vordergrund zu rücken, desto weniger anfällig werden wir für Glücksversprechen, die auf „Haben-Wollen“ basieren. Wir verabschieden uns vom „pursuit of happiness“, weil wir wissen, dass das Glück in jedem Moment liegt, nicht im Erreichen eines Ziels.

P.S. Inspiriert ist dieser Text von diverser Lektüre zur Glücksforschung und von dem Buch „Haben oder Sein“ von Erich Fromm.

2 Kommentare

  1. Marion
    17. Februar 2019
    Antworten

    Insgeheim weiß fast jeder, was Du so schön beschrieben hast. Und doch hofft jeder immer wieder, daß nächste Glück möge um die Ecke kommen.

    • Arnim
      17. Februar 2019
      Antworten

      Hi Marion – ich zumindest wusste es lange Zeit nicht und bin fleißig im Hamsterrad unterwegs gewesen. Und ich vergesse es auch immer wieder. Danke für den netten Kommentar zu meinem ersten Blog-Artikel 🙂

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