Die Panik

Bei dem Wort „Panik“ dachte ich früher immer an das Bild „Der Schrei“ von Edvard Munch. Sichtbare, nach außen gerichtete, laute Emotion. All das ist Panik nicht. Panik schleicht sich an. Der Mensch versucht sie abzuwehren, versteckt sie so gut er oder sie kann. Die Panik saugt ihre Kraft aus der Kraft des Opfers. Je ernster sie genommen wird, umso mehr kann sie ihre Macht entfalten. Sie kann Menschen in Besprechungen erstarren lassen. Sie kann Menschen dazu bringen, sich zu isolieren, alles zu vermeiden, was potenziell Auslöser sein könnte. Die Panik ist dann Lebenskleinmacher. Sie schränkt ein, vermiest alles, was Freude bereitet. Panik ist nie laut. Die Angst schnürt die Kehle zu.

Panik ist so leise, dass häufig beste Freunde nicht von ihr wissen. Denn mit der Angst kommt die Scham. Panik widerspricht dem Ideal: Mit Panik funktionieren wir nicht, sind nicht alltagstauglich. Menschen mit Panik stoßen nicht auf Verständnis. „Reiß dich zusammen“ ist der Tipp der Umwelt.

Bei einer blutenden Wunde holen Mitmenschen Pflaster. Bei Panikattacken drücken sie auf die Wunde, damit sie stärker blutet. Woher dieser Mangel an Mitgefühl? Warum gibt es Tausende von ausgebildeten Ersthelfern für körperliche Schäden, aber keine für die Seele, für den Kopf?

Es ist die größte Angst unserer Zeit, mit der die Panik anderer uns konfrontiert. Während wir eine Blutung stoppen können, bei körperlichen Schmerzen Mittel kennen, die helfen, sind wir überfordert von Schmerzen der Seele. Der Zugang zum Glauben, der hier Halt geben kann, wird immer mehr zum Glück einer Minderheit. Wenn für die Mehrheit in der ichbezogenen, selbstoptimierten Welt das „Ich“ nicht mehr funktioniert und in Panik verfällt, stößt das nicht nur das einzelne „Ich“ in Verzweiflung, sondern jedes „Ich“, das die Panik miterlebt.

Tipps, die Panik durch Willenskraft zu bewältigen, sind somit bloße Verteidigungsstrategien. Die Menschen klammern sich verzweifelt an ihrem Glauben fest, mit ihrem Willen die Seele kontrollieren zu können. Die Angst, das „Ich“ zu verlieren, wahnsinnig zu werden, ist so dominant, dass das Mitgefühl auf der Strecke bleibt. Mitfühlen wäre schon der erste Schritt, das eigene „Ich“ zu hinterfragen.

Madeira, 8.10.2020

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