Kontrollillusion

Wir leben in einer Kontrollillusion. Tagein, tagaus reden wir uns ein, ein, gehen wir davon aus, dass wir der Kapitän auf unserem Boot sind und das Steuerrad fest in der Hand haben. Unsere Glaubenssätze sind: Wenn ich mich anstrenge, habe ich Erfolg. Wenn ich freundlich und höflich bin, werde ich geliebt. Wenn ich Sport mache und mich gesund ernähre, werde ich nicht krank. Es sind die Glaubenssätze einer ICH-Gesellschaft.

Sie funktionieren hervorragend als Motivationsinstrument für die breite Masse. Der andere verdient mehr als ich? Dann muss ich härter arbeiten. Bei der Beförderung wurde ich übergangen? Ich muss mich noch stärker einbringen, mehr Überstunden leisten, bessere Ideen haben. Andere sehen besser aus? Sie haben wohl regelmäßiger Sport getrieben. Ich muss mich an die eigene Nase fassen. Das befreundete Paar lebt viel harmonischer als wir? Ich muss mich stärker um meine Beziehung kümmern, muss an ihr „arbeiten“.

Die Liste lässt sich ins Unendliche verlängern. Auch wenn sie beim Lesen als anmaßend und unrealistisch ins Auge springt, ist sie die Grundlage für eine ganze Industrie der Coaches, Motivationstrainer/-innen, Ratgeberbuchautor/-innen und zahllosen abendfüllenden Diskussionen im Freundes- und Familienkreis. Die Glaubenssätze sind tief verwurzelt in Erziehung, Bildung und Kultur. Leistung wird belohnt, Nicht-Leistung wird bestraft.

Doch nicht nur eint uns ein fester Glaube an die Bedeutung des eigenen Beitrags für die Ereignisse in unserem Leben, sondern die Zielfunktion für diese Anstrengung hat sich auch massiv verengt. Obwohl ein Mensch in vielen Dimensionen Leistungen erbringen kann, von Handwerk über Sport, Kunst, Pflege und Sorge bis hin zu gedanklichen oder körperlichen Arbeit, hat sich die Verwertungsnorm durchgesetzt. Wert ist, was mit Geld entlohnt wird. Im kulturellen Bereich hat sich dabei durch die Dominanz amerikanischer Kultur, vom Hollywood-Film bis zur materialistisch geprägten Rap-Kultur, noch eine erhebliche Verstärkung ergeben.

Die neue Religion ist nicht lediglich das „goldene Kalb“, vor dem schon das Alte Testament warnt, sondern das „Ich“, das es zu optimieren gilt und von dem ausgegangen wird, dass es sich optimieren kann.

Ich habe Kontrolle über mich und meinen Erfolg in dieser Welt. Ich bin somit nicht nur Ziel meiner Anstrengung, weil ich reicher, schöner, gesünder, bekannter oder glücklicher werden will (oder muss?). Ich bin gleichzeitig auch das Instrument, um all das zu erreichen. Die „Ich“-Religion braucht keine Bibel, keine Theologie und keine Kirchen, sie findet überall in einer Gesellschaft statt, die Werte nicht mehr hinterfragt, sondern Wertversprechen millionenfach reproduziert.

Die Grundprämisse, dass wir in diesem Maße Kontrolle über die kleinen und großen Erfolge oder, um es neutraler zu formulieren, Ergebnisse unseres täglichen Tuns und Seins haben, ist falsch. Dazu muss man gar nicht die zahlreichen Studien lesen, die nachweisen, welchen Beitrag soziale Abstammung, Netzwerke oder pures Glück bei sehr erfolgreichen Menschen gespielt haben. Man muss auch keinen schweren Krankheitsfall in der Familie erlebt haben, um die Umkehrung des Glaubens an die Kontrolle selbst zu erleben. Die Offensichtlichkeit der Fremdbestimmtheit vieler Schlüsselerlebnisse unseres Lebens springt einem geradezu ins Gesicht.

Warum hat das Ich-Narrativ dann einen so durchschlagenden Erfolg? Warum erzählen Filme, Romane, Biographien immer wieder die Geschichte, in der mit starkem Willen, großem Einsatz oder auch besonders viel Talent alles erreicht werden kann?

Nun: Es gibt ein starkes Interesse aller an diesem Narrativ.

Zunächst das Interesse der Erfolgreichen: Stellen wir uns einen Menschen vor, der alles im Leben erreicht hat, was landläufig als erstrebenswert gilt. Sie oder er hat einen hervorragend bezahlten und angesehenen Beruf, eine gesunde Familie und strahlt mit jedem Lächeln vor Charisma und Lebensfreude. Es ist naheliegend, dass diese Person selbst wenig Interesse daran hat, das Narrativ der eigenen Kontrolle und des eigenen Beitrags zu all dieser Vollkommenheit in Frage zu stellen. Im Gegenteil: Gerade von erfolgreichen Menschen wird das Narrativ weitererzählt, werden Legenden gestrickt, die sicherstellen sollen, dass nicht Glück, Zufall, Familie oder Kriminalität, sondern einfach nur die eigene Leistung zu all den schönen Ergebnissen geführt hat, dass also, kurzum, die Erfolgsperson seines oder ihres eigenen Glückes Schmied war.

Nun aber das Interesse des Versagers: Es handelt sich um eine gescheiterte Existenz. Die Person ist arbeitslos, geschieden, übergewichtig und vor Kurzem auch noch schwer erkrankt. Doch statt wie Hiob Gott oder das Schicksal anzuklagen, warum sie so gestraft wird, lässt die Person sich vom Arbeitsamt in Weiterbildungsmaßnahmen und Bewerbungskurse stecken, probiert sie die fünfte Diätstrategie aus und geht zum Psychologen oder zur Partnerbörse. All diese Aktivitäten sind nicht von Grund auf falsch, im Gegenteil. Aber sobald man deren Wirksamkeit anerkennt, stellt man den zu Grunde liegenden Glaubenssatz nicht mehr in Frage. Unter diesen Rahmenbedingungen wird es schlimmer sich einzugestehen, dass bestimmte Dinge nicht in der eigenen Hand liegen, als dass man akzeptiert, dass man wohl nicht genug Engagement gezeigt hat. Zumindest könnte man ja, wenn man nur wollte oder mehr beitragen würde.

Die Glaubenssätze sind auch deshalb so stark verankert, weil der Mensch tatsächlich ein sehr großes Ausmaß an Kontrolle über sein Leben und seine Umwelt erreicht hat. Für unsere Vorfahren gab es häufig keine andere Erfahrung, als dass höhere Mächte in ihr Leben eingriffen: vom wilden Tier, das die Jäger und Sammler tötete, über die Krankheit, die die gebärende Frau im Mittelalter dahinraffte bis zum Sturm, der die Ernte einer Saison zerstörte. In der aufgeklärten Neuzeit leben wir geschätzt vor wilden Tieren und Unwetter, können uns gegen fast alle finanziellen Unbill versichern und haben ein ausgebautes, medizinisches System, das zwar noch nicht alles heilen, aber fast alles erklären kann. Man könnte meinen, der Mensch hätte das Schicksal zurückgedrängt.

Umso perfider wirkt Kontrollverlust. Denn, wenn wir uns selbst als Menschheit und als Individuen so stark überhöhen, können wir mit den garantierten Momenten, in denen der Glaubenssatz, dass wir die Kontrolle über unser Leben haben, in sich zusammenfällt, immer weniger umgehen. Schwere Depressionen, Suizide vormals erfolgreicher Menschen und die unzähligen Versuche, immer wieder die Kontrolle zu erlangen, sind Beleg dafür.

Die aktuelle Pandemie ist ein Extrembeispiel. Es scheint für viele Menschen schlechterdings unerträglich anzuerkennen, dass auch die Eliten der Gesellschaft nicht alles wissen und nur bedingt Kontrolle ausüben können. Stattdessen, werden Geschichten erfunden, bei denen doch wieder jemand die Kontrolle hat, und sei es Bill Gates. Der Glaubenssatz wird einfach wiederhergestellt und jede bzw. jeder Einzelne erhält ebenfalls Kontrolle zurück, nämlich die Kontrolle über die eigene Wut gegen den Verursacher. Doch nicht nur der Bürger klammert sich an der Kontrollillusion, auch die Eliten, die eilfertig verkünden, es wäre alles unter Kontrolle. Das ist es nie, denn trotz unserer Allmachtillusion gibt es Kräfte, die stärker sind als der Mensch und Entwicklungen, die heute nicht abgesehen werden können.

Die Menschen könnten ein enormes Maß an Gelassenheit gewinnen, wenn sie ihre Kontrollillusion aufgäben, und stattdessen auf den Wellen der Geschichte reiten. Das ist kein Appell gegen Anstrengung und Leistung, was jeder weiß, der einmal auf einem Surfbrett stehen wollte, sondern ein Appell die eigenen Grenzen anzuerkennen und statt des „Ichs“ häufiger auf das zu achten, was man verbessern und wo man helfen kann, jeder für sich, im kleinen und im Größeren.

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